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ALS: Ursachen, Symptome, Diagnostik und Therapie – wie Physiotherapie und KG-ZNS Mobilität und Selbstständigkeit unterstützen

Amyotrophe Lateralsklerose: Wie Physiotherapie Lebensqualität, Mobilität und Selbstständigkeit erhalten kann

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine seltene, fortschreitende Erkrankung des motorischen Nervensystems. Dabei gehen nach und nach Nervenzellen zugrunde, die für die willkürliche Steuerung der Muskulatur verantwortlich sind. Die Folge sind zunehmende Muskelschwäche, Muskelabbau, Bewegungsstörungen und Einschränkungen der Mobilität.

ALS kann sehr unterschiedlich beginnen und verlaufen. Bei manchen Menschen stehen zunächst Schwäche und Ungeschicklichkeit einer Hand im Vordergrund, bei anderen treten zuerst Gangstörungen oder Probleme beim Treppensteigen auf. Beginnt die Erkrankung vor allem mit Sprech- und Schluckstörungen, spricht man von einem bulbären Beginn.

Eine Heilung gibt es derzeit nicht. Die moderne ALS-Therapie beschränkt sich jedoch keineswegs auf Medikamente. Eine multidisziplinäre Versorgung mit Neurologie, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Ernährungsmedizin, Atemtherapie, Psychologie und weiteren Fachbereichen ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung. Die europäische Leitlinie von 2024 empfiehlt eine koordinierte Betreuung in spezialisierten ALS-Teams und regelmäßige funktionelle Verlaufskontrollen.

Dabei hat die Physiotherapie und Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (KG-ZNS) eine besondere Bedeutung: Nicht die maximale Leistungssteigerung steht im Vordergrund, sondern der möglichst lange Erhalt von Beweglichkeit, Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität.

Was ist ALS?

ALS steht für Amyotrophe Lateralsklerose.

Die Erkrankung betrifft vor allem die sogenannten motorischen Nervenzellen, die Bewegungen steuern. Betroffen sind sowohl obere als auch untere Motoneurone.

Diese Nervenzellen befinden sich unter anderem:

  • in der Großhirnrinde
  • im Hirnstamm
  • im Vorderhorn des Rückenmarks

Durch den fortschreitenden Verlust dieser Nervenzellen können Muskeln nicht mehr ausreichend angesteuert werden. Sie werden schwächer und können im Verlauf zunehmend verkümmern.

Die europäische ALS-Leitlinie beschreibt ALS als Erkrankung aus dem Spektrum zwischen Motoneuronerkrankungen und frontotemporaler Demenz, da bei einem Teil der Betroffenen auch kognitive oder Verhaltensveränderungen auftreten können.

ALS Ursachen: Warum entsteht die Erkrankung?

Die genaue Ursache der ALS ist bis heute nicht vollständig geklärt.

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen:

  • sporadischer ALS
  • familiärer ALS

Die überwiegende Mehrheit der Erkrankungen tritt sporadisch auf. Bei einem kleineren Teil besteht eine familiäre Häufung.

Bei der familiären ALS wurden verschiedene genetische Veränderungen identifiziert. Dazu gehören unter anderem Veränderungen in Genen wie:

  • C9orf72
  • SOD1
  • FUS
  • TARDBP

Die Forschung untersucht außerdem weitere Mechanismen, die bei der Entstehung der ALS eine Rolle spielen könnten.

Dazu gehören:

  • gestörter Proteinabbau
  • mitochondriale Veränderungen
  • oxidativer Stress
  • Störungen des RNA-Stoffwechsels
  • Fehlfunktionen von Nervenzellen
  • neuroinflammatorische Prozesse
  • Veränderungen der neuromuskulären Verbindung

Es ist wahrscheinlich, dass bei vielen Betroffenen mehrere Faktoren zusammenwirken.

Ist ALS vererbbar?

Eine familiäre ALS kann genetisch bedingt sein.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jede ALS-Erkrankung vererbt wird. Die meisten Fälle treten ohne bekannte familiäre Belastung auf.

Bei entsprechender Familiengeschichte kann eine genetische Beratung und gegebenenfalls genetische Diagnostik sinnvoll sein.

Das Thema hat durch neue zielgerichtete Therapien zusätzliche Bedeutung bekommen, weil bestimmte genetische ALS-Formen inzwischen spezifisch behandelt werden können.

ALS Symptome

Die ersten Symptome können sehr unterschiedlich sein.

Typische ALS-Symptome sind:

  • Muskelschwäche
  • Muskelatrophie
  • Muskelzuckungen
  • Faszikulationen
  • Krämpfe
  • erhöhte Muskelspannung
  • Spastik
  • Gangstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Probleme beim Treppensteigen
  • Schwierigkeiten beim Aufstehen
  • Probleme beim Greifen
  • Feinmotorikstörungen
  • Sprechstörungen
  • Schluckstörungen
  • Atemschwäche

Die Beschwerden beginnen häufig zunächst asymmetrisch.

Beispielsweise kann zunächst eine Hand deutlich schwächer sein als die andere.

ALS: Warum kommt es zu Muskelschwäche?

Die Muskulatur selbst ist bei ALS zunächst nicht das eigentliche Problem.

Das Problem liegt in der fehlenden beziehungsweise zunehmend eingeschränkten nervalen Ansteuerung.

Wenn motorische Nervenzellen zugrunde gehen, erreichen weniger Signale den Muskel.

Dadurch kommt es zu:

Nervenschädigungschlechtere MuskelansteuerungMuskelschwächeMuskelabbauzunehmende Bewegungseinschränkung.

Deshalb unterscheidet sich ALS beispielsweise grundlegend von einer rein orthopädischen Muskelschwäche.

Spastik und erhöhte Muskelspannung bei ALS

Obwohl ALS häufig mit schlaffer Muskelschwäche verbunden wird, können gleichzeitig Zeichen einer Schädigung des oberen Motoneurons auftreten.

Dazu gehören:

  • erhöhte Muskelspannung
  • Spastik
  • gesteigerte Reflexe
  • eingeschränkte Beweglichkeit

Eine Spastik kann Bewegungen zusätzlich erschweren.

Physiotherapeutische Maßnahmen können dazu beitragen, Beweglichkeit zu erhalten und funktionelle Bewegungsmuster zu unterstützen. Die aktuelle EAN-Leitlinie empfiehlt unter anderem nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Physiotherapie bei Spastik.

Bulbäre ALS: Sprechen und Schlucken

Bei manchen Betroffenen beginnt die Erkrankung im Bereich der sogenannten bulbären Muskulatur.

Dann können zunächst auftreten:

  • undeutliche Sprache
  • verlangsamtes Sprechen
  • veränderte Stimme
  • Schluckstörungen
  • vermehrter Speichelfluss

Diese Symptome erfordern eine enge Zusammenarbeit mit Logopädie und Neurologie.

Besonders wichtig ist die Vermeidung von:

  • Aspiration
  • Mangelernährung
  • Flüssigkeitsmangel
  • Gewichtsverlust

Atemmuskulatur bei ALS

Im Verlauf kann auch die Atemmuskulatur schwächer werden.

Warnzeichen können sein:

  • Atemnot
  • Kurzatmigkeit bei Belastung
  • Kopfschmerzen am Morgen
  • Schlafstörungen
  • Tagesmüdigkeit
  • Konzentrationsprobleme

Die Atemfunktion sollte deshalb regelmäßig medizinisch kontrolliert werden.

Bei Bedarf kann eine nicht-invasive Beatmung (NIV) eingesetzt werden.

Die aktuelle europäische Leitlinie zählt die regelmäßige Beurteilung der Atemfunktion und den Einsatz nicht-invasiver Beatmung zu wichtigen Bestandteilen der ALS-Versorgung.

Kognitive Veränderungen bei ALS

ALS betrifft nicht ausschließlich die Motorik.

Bei einem Teil der Betroffenen können zusätzlich Veränderungen auftreten, beispielsweise:

  • Konzentrationsprobleme
  • Schwierigkeiten bei Planung und Organisation
  • Verhaltensveränderungen
  • Veränderungen der Persönlichkeit
  • sprachliche Einschränkungen

In einem Teil der Fälle besteht eine frontotemporale Demenz (FTD).

Deshalb berücksichtigt eine moderne ALS-Behandlung neben motorischen Symptomen auch kognitive und psychische Aspekte.

Diagnostik bei ALS

Die Diagnose einer ALS kann schwierig sein, weil verschiedene neurologische Erkrankungen ähnliche Symptome verursachen können.

Eine wichtige Rolle spielen:

  • neurologische Untersuchung
  • Untersuchung der Muskelkraft
  • Reflexprüfung
  • Sensibilitätsprüfung
  • Elektromyografie (EMG)
  • Elektroneurografie (ENG)
  • MRT von Gehirn und Rückenmark
  • Laboruntersuchungen
  • gegebenenfalls genetische Diagnostik
  • gegebenenfalls Liquordiagnostik

Die Diagnose basiert auf dem klinischen Verlauf und dem Nachweis einer fortschreitenden Schädigung motorischer Nervenzellen.

Gleichzeitig müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden.

Warum die ALS-Diagnose manchmal schwierig ist

Zu Beginn können ALS-Symptome beispielsweise einer:

  • Polyneuropathie
  • Halswirbelsäulenerkrankung
  • Nervenkompression
  • Myopathie
  • Multiplen Sklerose
  • Myasthenia gravis
  • anderen Motoneuronerkrankung

ähneln.

Eine sorgfältige neurologische Diagnostik ist deshalb entscheidend.

Aktueller Stand der ALS-Forschung

Die ALS-Forschung hat in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gemacht.

Besonders wichtig sind:

  • genetische Forschung
  • Biomarker
  • neue bildgebende Verfahren
  • gezielte molekulare Therapien
  • Gentherapie
  • Antisense-Oligonukleotide
  • Stammzellforschung
  • neue Wirkstoffe zur Beeinflussung von Krankheitsmechanismen

Die aktuelle europäische Leitlinie von 2024 betont, dass sich das therapeutische Umfeld der ALS schnell verändert und neue Evidenz kontinuierlich hinzukommt.

Welche Medikamente gibt es bei ALS?

Die medikamentöse Behandlung besteht aus mehreren Bausteinen.

Riluzol

Riluzol gehört zu den etablierten krankheitsmodifizierenden Medikamenten bei ALS.

Die EAN-Leitlinie empfiehlt Riluzol bei ALS ab der Diagnose und grundsätzlich als langfristige Behandlung, sofern es vertragen wird.

Edaravon

Edaravon ist ebenfalls ein Wirkstoff, der bei ALS untersucht und in bestimmten Ländern zugelassen wurde.

Die aktuelle europäische EAN-Leitlinie empfiehlt Edaravon aufgrund der verfügbaren Evidenz derzeit jedoch nicht außerhalb klinischer Studien.

Tofersen

Eine besonders wichtige Entwicklung betrifft genetisch bedingte ALS durch Veränderungen im SOD1-Gen.

Hier kann Tofersen, ein Antisense-Oligonukleotid, gezielt in den Krankheitsmechanismus eingreifen. Die Therapie erfolgt intrathekal, also über eine Injektion in den Liquorraum.

Sie kommt nur für bestimmte genetisch bestätigte ALS-Fälle infrage.

Symptomatische Behandlung bei ALS

Neben krankheitsmodifizierenden Medikamenten spielt die Behandlung der Beschwerden eine große Rolle.

Je nach Symptom können beispielsweise Medikamente eingesetzt werden gegen:

  • Spastik
  • Muskelkrämpfe
  • Schmerzen
  • Speichelfluss
  • Schlafstörungen
  • Depressionen
  • Angst
  • pseudobulbären Affekt

Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen sind wichtig.

Dazu gehören:

  • Physiotherapie
  • Ergotherapie
  • Logopädie
  • Atemtherapie
  • Ernährungsberatung
  • Hilfsmittelversorgung
  • psychologische Unterstützung
  • palliative Versorgung

Die aktuelle EAN-Leitlinie empfiehlt eine koordinierte multidisziplinäre Versorgung ausdrücklich.

Wann ist Physiotherapie bei ALS sinnvoll?

Die Physiotherapie ist bei ALS vor allem dann wichtig, wenn die Erkrankung zu funktionellen Einschränkungen führt.

Dazu gehören:

  • Muskelschwäche
  • eingeschränkte Gehfähigkeit
  • Gangunsicherheit
  • Gleichgewichtsstörungen
  • Probleme beim Aufstehen
  • Treppensteigen
  • Schwierigkeiten bei Transfers
  • Bewegungseinschränkungen
  • Spastik
  • Gelenksteifigkeit
  • Schmerzen
  • zunehmender Hilfsmittelbedarf

Dabei ist ein entscheidender Unterschied zu vielen anderen neurologischen Erkrankungen zu beachten:

Bei ALS soll Physiotherapie nicht zu einer Überforderung der geschwächten Muskulatur führen.

Das Ziel ist vielmehr, Funktionen möglichst lange zu erhalten und den Alltag zu erleichtern.

KG-ZNS bei ALS

Die Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (KG-ZNS) kann bei ALS ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Physiotherapie sein.

Dabei wird die Therapie individuell an den Krankheitsverlauf angepasst.

Mögliche Ziele sind:

  • Beweglichkeit erhalten
  • Bewegungsabläufe erleichtern
  • Muskelspannung regulieren
  • Spastik beeinflussen
  • Transfers verbessern
  • Gleichgewicht fördern
  • Stürze vermeiden
  • Gangfähigkeit erhalten
  • Hilfsmittel einsetzen
  • Selbstständigkeit möglichst lange erhalten

Die EAN-Leitlinie führt Physiotherapie ausdrücklich als Bestandteil des multidisziplinären ALS-Teams auf.

Das wichtigste Prinzip: Nicht überfordern

Bei ALS ist die Belastungssteuerung besonders wichtig.

Ein klassisches Krafttraining nach dem Prinzip „immer mehr Gewicht und immer mehr Wiederholungen“ ist nicht automatisch sinnvoll.

Bei bereits geschädigten motorischen Nervenzellen kann eine zu hohe Belastung zu übermäßiger Ermüdung führen.

Die Therapie sollte deshalb berücksichtigen:

  • vorhandene Muskelkraft
  • Tagesform
  • Ermüdung
  • Krankheitsstadium
  • Bewegungsqualität
  • Erholungszeit
  • Atemfunktion
  • Alltagssituation

Das bedeutet:

So viel Bewegung wie möglich – aber nicht mehr Belastung als sinnvoll und verträglich.

Krafttraining bei ALS

Die Frage, ob Krafttraining bei ALS sinnvoll ist, muss individuell beantwortet werden.

Bei erhaltenen Muskelgruppen können angepasste Kraftübungen sinnvoll sein.

Dabei stehen nicht maximale Kraftleistungen im Vordergrund, sondern:

  • Funktionserhalt
  • Bewegungsqualität
  • Alltagsaktivitäten
  • Vermeidung unnötiger Immobilität

Bei deutlich fortgeschrittener Muskelschwäche kann dagegen eine intensive Kräftigung ungeeignet sein.

Hier kann beispielsweise ein aktives oder assistiertes Bewegungstraining sinnvoller sein.

Beweglichkeit erhalten und Kontrakturen vermeiden

Wenn Muskeln schwächer werden und Bewegungen seltener stattfinden, können Gelenke zunehmend steif werden.

Mögliche Folgen sind:

  • verkürzte Muskulatur
  • eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit
  • Fehlstellungen
  • Schmerzen
  • erschwerte Transfers

Physiotherapie kann durch:

  • aktive Bewegungsübungen
  • assistierte Bewegungen
  • passive Mobilisation
  • Dehnungen
  • Positionierung
  • Lagerung

dazu beitragen, die Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten.

Spastik bei ALS physiotherapeutisch behandeln

Bei spastischen Symptomen kann Physiotherapie dazu beitragen, Bewegungen zu erleichtern und Gelenkbeweglichkeit zu erhalten.

Mögliche Maßnahmen sind:

  • Mobilisation
  • aktive Bewegungsübungen
  • funktionelle Bewegungsansätze
  • Positionierung
  • Dehnung
  • alltagsorientiertes Training

Bei stärkerer Spastik kann zusätzlich eine ärztliche medikamentöse Behandlung, beispielsweise mit Baclofen oder Tizanidin, erforderlich sein. Bei fokaler Spastik kann in geeigneten Fällen auch Botulinumtoxin eingesetzt werden.

Gangtraining bei ALS

Solange eine ausreichende Gehfähigkeit vorhanden ist, kann es sinnvoll sein, diese möglichst lange zu erhalten.

Das Gangtraining kann beispielsweise folgende Aspekte umfassen:

  • sicheres Aufstehen
  • Gewichtsverlagerung
  • Schrittfolge
  • Fußhebung
  • Gleichgewicht
  • Richtungswechsel
  • Hindernisse
  • Treppen

Dabei muss immer berücksichtigt werden, wie viel Belastung die Muskulatur noch verträgt.

Das Ziel ist nicht, eine bestimmte Gehstrecke um jeden Preis zu erreichen.

Das Ziel ist ein möglichst sicheres, energieeffizientes und alltagstaugliches Fortbewegen.

Gleichgewicht und Sturzprophylaxe

Durch Muskelschwäche und eingeschränkte Reaktionsfähigkeit steigt bei ALS das Sturzrisiko.

Physiotherapie kann deshalb helfen, vorhandene Ressourcen optimal einzusetzen.

Trainiert werden können:

  • Standstabilität
  • Gewichtsverlagerungen
  • sichere Transfers
  • Richtungswechsel
  • Reaktionsstrategien
  • Nutzung von Gehhilfen

Ebenso wichtig ist die Anpassung der häuslichen Umgebung.

Hilfsmittel bei ALS

Mit zunehmender Muskelschwäche können Hilfsmittel die Selbstständigkeit erheblich verbessern.

Dazu gehören:

  • Rollator
  • Unterarmgehstützen
  • Rollstuhl
  • Elektrorollstuhl
  • Sitz- und Aufstehhilfen
  • Transferhilfen
  • Orthesen
  • Haltegriffe
  • Pflegebett

Ein wichtiger Grundsatz lautet:

Hilfsmittel sollten nicht erst dann eingesetzt werden, wenn gar nichts mehr geht.

Eine frühzeitige Versorgung kann dabei helfen, Energie zu sparen, Stürze zu vermeiden und Selbstständigkeit länger zu erhalten.

Die EAN-Leitlinie empfiehlt regelmäßige funktionelle Beurteilungen und berücksichtigt ausdrücklich Mobilität, Hilfsmittel und Aktivitäten des täglichen Lebens.

Rollstuhl bei ALS – bedeutet das das Ende der Mobilität?

Nein.

Ein Rollstuhl kann bei ALS ein wichtiges Instrument sein, um Mobilität zu erhalten.

Wenn längere Gehstrecken zu anstrengend oder unsicher werden, kann ein Rollstuhl ermöglichen:

  • Einkaufen
  • Arztbesuche
  • Spaziergänge
  • Reisen
  • soziale Aktivitäten
  • selbstständige Fortbewegung

Dabei kann ein Rollstuhl auch ergänzend zur vorhandenen Gehfähigkeit eingesetzt werden.

Atemtherapie und Physiotherapie

Die Atemfunktion muss bei ALS regelmäßig medizinisch überwacht werden.

Physiotherapeutische beziehungsweise atemtherapeutische Maßnahmen können je nach Krankheitsstadium beispielsweise umfassen:

  • Atemwahrnehmung
  • Mobilisation des Brustkorbs
  • Sekretmanagement
  • Unterstützung der Atemmuskulatur
  • Anleitung von Angehörigen
  • Positionierung

Bei relevanter Atemmuskelschwäche kann eine nicht-invasive Beatmung notwendig werden.

Die Entscheidung darüber erfolgt durch das behandelnde neurologische und pneumologische Team.

Schmerzen bei ALS

Schmerzen können bei ALS unterschiedliche Ursachen haben.

Mögliche Auslöser sind:

  • Muskelkrämpfe
  • Spastik
  • Fehlhaltungen
  • Gelenksteifigkeit
  • eingeschränkte Beweglichkeit
  • Druckbelastungen
  • Schulterprobleme

Die EAN-Leitlinie empfiehlt eine aktive Schmerzerfassung und die Behandlung der jeweiligen Ursache. Positionierung, Mobilisation und Physiotherapie können dabei wichtige Bestandteile sein.

Alltagstraining: Was soll die Therapie konkret verbessern?

Die wichtigste Frage lautet nicht:

„Wie stark ist der Muskel?“

Sondern:

„Was kann der Mensch im Alltag noch selbstständig tun?“

Deshalb können konkrete Alltagssituationen trainiert werden:

  • Aufstehen
  • Hinsetzen
  • Bett → Rollstuhl
  • Rollstuhl → Toilette
  • Anziehen
  • Treppensteigen
  • Gehen
  • Transfers
  • Ein- und Aussteigen aus dem Auto

Die Physiotherapie wird damit zu einem funktionellen und alltagsorientierten Training.

Physiotherapie bei fortschreitender ALS

Mit zunehmendem Krankheitsverlauf verändern sich die Ziele.

Frühphase

Schwerpunkte können sein:

  • Beweglichkeit
  • Funktionserhalt
  • Gangfähigkeit
  • leichtes Krafttraining
  • Gleichgewicht
  • Ausdauer
  • Beratung

Mittlere Phase

Jetzt werden häufig wichtiger:

  • Hilfsmittel
  • Transfers
  • Sturzprophylaxe
  • Energieeinsparung
  • Spastikbehandlung
  • Rollstuhlversorgung
  • Anpassung der Übungen

Fortgeschrittene Phase

Hier stehen vor allem im Vordergrund:

  • Komfort
  • Beweglichkeit
  • Positionierung
  • Vermeidung von Schmerzen
  • Unterstützung bei Transfers
  • Atemunterstützung
  • Erleichterung des Alltags
  • Lebensqualität

Die Physiotherapie passt sich damit kontinuierlich an den Krankheitsverlauf an.

Was Physiotherapie bei ALS nicht leisten kann

Eine seriöse ALS-Therapie muss auch Grenzen benennen.

Physiotherapie kann:

  • Funktionen erhalten
  • Beweglichkeit unterstützen
  • Selbstständigkeit fördern
  • Schmerzen und Bewegungseinschränkungen reduzieren
  • Stürze vermeiden helfen
  • Hilfsmittel sinnvoll einsetzen
  • Alltag erleichtern

Sie kann jedoch die Ursache der ALS nicht beseitigen und das Absterben motorischer Nervenzellen nicht durch Training stoppen.

Das Ziel besteht daher nicht darin, die Erkrankung „wegzutrainieren“.

Das Ziel lautet:

möglichst viel Funktion, Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten.

Multidisziplinäre Behandlung bei ALS

Eine optimale ALS-Versorgung besteht aus mehreren Fachbereichen.

Zum spezialisierten Team können gehören:

  • Neurologe
  • Physiotherapeut
  • Ergotherapeut
  • Logopäde
  • Atemtherapeut
  • Ernährungsberater
  • Pneumologe
  • Psychologe
  • Sozialdienst
  • Palliativmedizin

Die EAN-Leitlinie empfiehlt regelmäßige koordinierte Untersuchungen und nennt ausdrücklich Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Ernährungsmedizin, Pneumologie, Psychologie und palliative Versorgung als Bestandteile einer umfassenden Betreuung.

Prognose bei ALS

ALS ist derzeit nicht heilbar und verläuft in den meisten Fällen fortschreitend.

Der Verlauf ist jedoch individuell sehr unterschiedlich.

Einige Menschen erleben eine langsamere Krankheitsprogression, während andere deutlich schneller Funktionsverluste entwickeln.

Die Prognose hängt unter anderem ab von:

  • Alter bei Erkrankungsbeginn
  • Form und Beginn der ALS
  • Geschwindigkeit der Krankheitsprogression
  • bulbärer Beteiligung
  • Atemfunktion
  • Ernährungszustand
  • genetischen Faktoren

Eine individuelle Prognose kann deshalb nur das behandelnde neurologische Team stellen.

Fazit: Physiotherapie bei ALS bedeutet Funktion erhalten statt Überforderung

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) stellt Betroffene, Angehörige und behandelnde Fachkräfte vor besondere Herausforderungen.

Die Erkrankung ist derzeit nicht heilbar. Gleichzeitig haben sich die Möglichkeiten der medizinischen und rehabilitativen Versorgung deutlich weiterentwickelt.

Eine moderne ALS-Therapie besteht deshalb aus mehr als Medikamenten. Entscheidend ist eine frühzeitige und langfristig koordinierte multidisziplinäre Versorgung.

Die Physiotherapie und KG-ZNS können dabei helfen,

  • Beweglichkeit zu erhalten,
  • Muskelschwäche im Alltag zu kompensieren,
  • Spastik und erhöhte Muskelspannung zu behandeln,
  • Gangfähigkeit möglichst lange zu erhalten,
  • Stürze zu vermeiden,
  • Transfers zu erleichtern,
  • Hilfsmittel richtig einzusetzen,
  • Schmerzen und Bewegungseinschränkungen zu reduzieren
  • und die Selbstständigkeit möglichst lange zu bewahren.

Dabei gilt bei ALS ein besonders wichtiger Grundsatz:

Nicht möglichst viel trainieren – sondern möglichst sinnvoll trainieren.

Die individuelle Belastungssteuerung, die Beobachtung von Ermüdung und die regelmäßige Anpassung der Therapie sind entscheidend. Physiotherapie bei ALS bedeutet deshalb nicht, den Körper immer stärker zu belasten, sondern vorhandene Fähigkeiten intelligent zu nutzen und den Alltag trotz fortschreitender Erkrankung möglichst aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.

Ihr Kraftort Team

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