Können Hände mehr bewirken, als wir bisher gedacht haben?
Was passiert eigentlich im Körper, wenn ein Therapeut Gewebe dehnt, Druck auf einen Muskel ausübt, ein Gelenk mobilisiert oder eine verspannte Struktur mit einer speziellen manuellen Technik behandelt?
Auf diese Frage gibt es bisher keine einfache Antwort.
Lange Zeit wurde die Wirkung manueller Therapie vor allem mechanisch erklärt: Gewebe wird bewegt, Gelenke werden mobilisiert, Muskeln verändern ihre Spannung und Bewegung wird wieder möglich. Später rückten zunehmend das Nervensystem, Schmerzverarbeitung und die Wahrnehmung des Patienten in den Mittelpunkt.
Doch inzwischen kommt eine weitere Ebene hinzu: die einzelne Zelle.
Die Forschung der finnischen Medizinerin und Zellbiologin Sara Wickström, die 2026 mit dem Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft ausgezeichnet wurde, zeigt eindrucksvoll, dass Zellen mechanische Kräfte aus ihrer Umgebung wahrnehmen können. Dehnung, Druck und Spannung bleiben demnach nicht einfach auf der Ebene des Gewebes. Sie können in der Zelle weiterverarbeitet werden und bis in den Zellkern gelangen. Dort können sie die Organisation des Chromatins und damit die Aktivität bestimmter Gene beeinflussen.
Diese Erkenntnis eröffnet eine faszinierende Perspektive:
Vielleicht wirken manuelle Techniken nicht nur auf Muskeln, Gelenke, Faszien und das Nervensystem. Vielleicht geben sie auch den Zellen mechanische Informationen, die biologische Anpassungsprozesse auslösen.
Das ist bislang keine bewiesene Erklärung für die Wirkung einer bestimmten manuellen Technik. Aber es ist eine wissenschaftlich interessante Hypothese, die zunehmend untersucht werden kann.
Die Zelle hat einen „mechanischen Sinn“
Unser Körper wird ständig mechanisch belastet.
Wir stehen, gehen, sitzen, laufen, heben Gegenstände, atmen und bewegen unsere Gelenke. Dabei entstehen Zug, Druck, Scherkräfte und Dehnung.
Bisher wurde häufig zwischen zwei großen Informationssystemen unterschieden:
Chemische Signale informieren die Zelle beispielsweise über Hormone, Wachstumsfaktoren oder Entzündungsprozesse.
Elektrische Signale spielen vor allem im Nervensystem eine entscheidende Rolle.
Heute wissen wir: Es gibt noch eine dritte wichtige Form biologischer Information:
mechanische Signale.
Zellen können wahrnehmen, ob ihre Umgebung weich oder hart ist, ob Zug auf sie wirkt oder ob sie zusammengedrückt werden. Diese mechanischen Informationen können über das Zytoskelett und weitere molekulare Strukturen bis zum Zellkern weitergeleitet werden. Dort können sie unter anderem die Organisation des Chromatins und die Genaktivität beeinflussen.
Der Fachbegriff dafür lautet Mechanotransduktion.
Vereinfacht gesagt:
Mechanische Kraft → Zelluläre Wahrnehmung → molekulare Signalwege → Zellkern → veränderte Genaktivität → Anpassung der Zelle
Das ist eine erstaunliche Vorstellung.
Eine mechanische Veränderung außerhalb der Zelle kann also eine biologische Reaktion innerhalb der Zelle auslösen.
Was hat das mit Physiotherapie zu tun?
Hier beginnt der besonders interessante Teil.
Physiotherapeuten arbeiten ständig mit mechanischen Reizen.
Bei einer Manuellen Therapie wird beispielsweise ein Gelenk bewegt oder mobilisiert.
Bei einer Weichteilbehandlung wird Druck auf Gewebe ausgeübt.
Bei einer myofaszialen Behandlung werden Gewebeschichten gedehnt oder gegeneinander verschoben.
Bei einer Narbenbehandlung wird Gewebe gezielt mobilisiert.
Bei Massage entstehen Druck, Dehnung und Scherkräfte.
Bei Bewegungstherapie verändert sich die mechanische Belastung von Muskeln, Sehnen, Gelenken und Bindegewebe.
Und auch Vibration oder andere mechanische Reize stellen eine Form physikalischer Belastung dar.
All diese Maßnahmen haben eines gemeinsam:
Sie verändern die mechanische Umgebung von Zellen.
Dass Zellen auf mechanische Reize reagieren können, ist inzwischen gut untersucht. Auch für physiotherapeutische Interventionen wird deshalb seit Jahren diskutiert, ob Mechanotransduktion an therapeutischen Anpassungsprozessen beteiligt sein könnte.
Von der Hand zur Zelle
Man kann sich den möglichen Zusammenhang vereinfacht wie eine Kette vorstellen:
Hand des Therapeuten
↓
Druck, Zug, Dehnung oder Scherbewegung
↓
Veränderung der mechanischen Situation im Gewebe
↓
Reaktion von Rezeptoren, Bindegewebszellen und anderen Zellen
↓
Mechanotransduktion
↓
Veränderung intrazellulärer Signalwege
↓
mögliche Veränderungen der Genaktivität
↓
Anpassung von Zellverhalten und Gewebe
Dabei handelt es sich um ein biologisches Modell und nicht um eine bereits vollständig nachgewiesene Wirkungskette einer bestimmten manuellen Behandlung beim Menschen.
Genau diese Unterscheidung ist wichtig.
Denn die Forschung von Wickström zeigt zunächst etwas Grundlegendes: Zellen können mechanische Kräfte biologisch verarbeiten.
Sie beweist nicht automatisch, dass eine bestimmte manuelle Technik beim Patienten über diesen Weg wirkt.
Aber sie macht eine solche Fragestellung wissenschaftlich ausgesprochen interessant.
Was passiert bei einer Manuellen Therapie?
Die moderne Forschung geht ohnehin davon aus, dass die Wirkung manueller Therapie wesentlich komplexer ist als eine einfache mechanische „Korrektur“ von Gewebe.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit zu den Wirkmechanismen manueller Therapie beschreibt neurologische, neurovaskuläre, neurochemische und weitere physiologische Reaktionen. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass die genaue Bedeutung der einzelnen Mechanismen noch nicht abschließend geklärt ist.
Das ist wichtig.
Denn eine manuelle Behandlung kann gleichzeitig mehrere Ebenen beeinflussen:
1. Mechanische Ebene
Gewebe wird bewegt, gedehnt, komprimiert oder verschoben.
2. Sensorische Ebene
Mechanorezeptoren registrieren die Veränderung und leiten Informationen an das Nervensystem weiter.
3. Nervale Ebene
Das zentrale und periphere Nervensystem verarbeitet diese Informationen. Dadurch können beispielsweise Muskelspannung und Schmerzverarbeitung beeinflusst werden.
4. Gefäß- und Flüssigkeitsebene
Mechanische Belastungen können lokale Durchblutung und Flüssigkeitsbewegungen beeinflussen.
5. Zelluläre Ebene
Und hier wird die Forschung von Sara Wickström besonders interessant:
Die mechanische Veränderung könnte auch von den Zellen selbst wahrgenommen und in biologische Signale übersetzt werden.
Faszien und Bindegewebe: Besonders interessant
Eine besondere Bedeutung könnte dabei dem Bindegewebe zukommen.
Faszien und andere Strukturen der extrazellulären Matrix bilden ein komplexes mechanisches Netzwerk. In diesen Geweben befinden sich unter anderem Fibroblasten, die auf mechanische Veränderungen reagieren können.
Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass mechanische Belastung das Verhalten solcher Zellen beeinflussen kann. Mechanotransduktion verbindet dabei die mechanische Belastung der extrazellulären Matrix mit intrazellulären Signalwegen.
Damit entsteht eine interessante Verbindung zu manuellen Techniken.
Wenn ein Therapeut beispielsweise eine Gewebeschicht langsam unter Spannung setzt, könnte die Wirkung nicht allein darin bestehen, dass das Gewebe kurzfristig „nachgibt“.
Die mechanische Veränderung selbst könnte eine biologische Information darstellen.
Die Zelle könnte gewissermaßen registrieren:
„Meine mechanische Umgebung hat sich verändert.“
Und darauf reagieren.
Unterschiedliche Techniken – unterschiedliche mechanische Informationen?
Damit wird auch ein weiterer Gedanke interessant.
Nicht jede manuelle Technik erzeugt denselben mechanischen Reiz.
Eine sanfte, länger gehaltene Dehnung unterscheidet sich mechanisch von einer kurzen Mobilisation.
Eine kräftige Weichteilkompression unterscheidet sich von einer schnellen Gelenkbewegung.
Eine Faszientechnik erzeugt andere Belastungsmuster als eine klassische Massage.
Eine Gelenkmobilisation erzeugt wiederum andere Kräfte als eine Behandlung des Muskel-Bindegewebe-Systems.
Aus Sicht der Mechanobiologie könnte deshalb entscheidend sein:
Welche Kraft wirkt?
Wie stark wirkt sie?
Wie lange wirkt sie?
In welche Richtung wirkt sie?
Wie schnell verändert sie sich?
Auf welches Gewebe trifft sie?
Und wie reagiert dieses Gewebe auf die Belastung?
Aktuelle Forschungsarbeiten versuchen genau solche Zusammenhänge zwischen mechanischem Reiz, Zellreaktion und therapeutischer Wirkung besser zu verstehen. Für manuelle Therapie ist dieser Forschungsbereich allerdings noch jung, und direkte Belege für konkrete klinische Wirkungen über bestimmte zelluläre Mechanismen fehlen bislang weitgehend.
Hat Manuelle Therapie möglicherweise einen bisher unterschätzten Wirkungsgrad?
Hier lässt sich eine spannende Hypothese formulieren.
Bisher wird die Wirkung einer manuellen Behandlung häufig anhand unmittelbar beobachtbarer Veränderungen beurteilt:
- Schmerzen nehmen ab.
- Beweglichkeit verbessert sich.
- Muskelspannung verändert sich.
- Bewegung wird leichter.
- Gelenke lassen sich besser bewegen.
- Patienten können bestimmte Bewegungen wieder ausführen.
Doch was wäre, wenn diese sichtbaren Veränderungen nur die letzte Ebene einer wesentlich größeren biologischen Reaktion darstellen?
Was wäre, wenn ein mechanischer Reiz zunächst auf der Ebene von Rezeptoren und Zellen verarbeitet wird und anschließend eine Kaskade biologischer Anpassungsprozesse auslöst?
Dann könnte eine Behandlung, die äußerlich nur wenige Minuten dauert, möglicherweise wesentlich mehr biologische Information an das Gewebe übertragen, als wir bisher angenommen haben.
Der therapeutische Reiz wäre dann nicht nur Bewegung oder Druck. Er wäre Information.
Das ist derzeit eine Hypothese – aber eine Hypothese, die auf etablierten Prinzipien der Mechanobiologie aufbaut.
Die spannende Frage der „Dosis“
Damit könnte langfristig auch eine bislang unterschätzte Frage der Physiotherapie wichtiger werden:
Welche mechanische Dosis braucht ein Gewebe?
In der Pharmakologie ist die Dosierung eines Wirkstoffs selbstverständlich.
Bei mechanischen Therapien ist die Situation wesentlich komplizierter.
Vielleicht ist aber auch ein mechanischer Reiz eine Art „Dosis“.
Zum Beispiel:
Kraft × Richtung × Dauer × Geschwindigkeit × Frequenz × Gewebeantwort
Eine bestimmte mechanische Belastung könnte dabei eine andere biologische Wirkung erzeugen als eine andere Belastung.
Das würde eine zukünftige Entwicklung der Physiotherapie ermöglichen, bei der manuelle Techniken nicht nur nach ihrer traditionellen Bezeichnung beurteilt, sondern nach den konkret erzeugten mechanischen Reizen und den biologischen Reaktionen darauf.
Könnte manuelle Therapie sogar die Genaktivität beeinflussen?
Hier muss man besonders vorsichtig formulieren.
Ja – grundsätzlich ist bekannt, dass mechanische Kräfte Genaktivität beeinflussen können.
Das hat die Forschung zur Mechanotransduktion gezeigt. Wickströms Arbeiten haben insbesondere dazu beigetragen zu verstehen, wie mechanische Kräfte bis in den Zellkern weitergeleitet werden und dort die Chromatinorganisation und Genregulation beeinflussen können.
Aber:
Nein – daraus folgt nicht, dass eine bestimmte manuelle Technik beim Patienten nachweislich bestimmte Gene ein- oder ausschaltet.
Dafür fehlen noch die entsprechenden klinischen Nachweise.
Genau hier liegt jedoch eine der spannendsten Forschungsfragen der kommenden Jahre.
Man könnte beispielsweise untersuchen, ob definierte mechanische Reize durch physiotherapeutische Interventionen messbare Veränderungen in zellulären Signalwegen, Entzündungsprozessen, Geweberegeneration oder Genexpression auslösen.
Erst solche Untersuchungen könnten zeigen, wie groß dieser Anteil der therapeutischen Wirkung tatsächlich ist.
Von der Manuellen Therapie zur „Mechanotherapie“
Für diese Denkweise existiert bereits ein passender Begriff:
Mechanotherapie.
Darunter versteht man therapeutische Ansätze, bei denen mechanische Kräfte gezielt eingesetzt werden, um biologische Prozesse zu beeinflussen.
Die Forschung untersucht inzwischen, wie mechanische Kräfte beispielsweise über Integrine, mechanosensitive Ionenkanäle, das Zytoskelett und andere Signalwege Zellverhalten und Gewebeanpassung beeinflussen können.
Damit könnte sich langfristig unser Verständnis von Physiotherapie erweitern.
Physiotherapie wäre dann nicht ausschließlich eine Therapie von Muskeln, Gelenken und Bewegungen.
Sie wäre auch eine gezielte mechanische Kommunikation mit biologischen Systemen.
Was bedeutet das für Patienten?
Für Patienten bedeutet diese Forschung zunächst nicht, dass jede manuelle Behandlung automatisch auf die Gene wirkt.
Aber sie verändert möglicherweise die Art, wie wir über mechanische Therapie nachdenken.
Wenn eine Hand Druck auf Gewebe ausübt, passiert möglicherweise deutlich mehr als eine vorübergehende Verschiebung von Gewebestrukturen.
Die Berührung erzeugt mechanische Kräfte.
Diese Kräfte werden von Rezeptoren und Zellen wahrgenommen.
Zellen können darauf mit molekularen Veränderungen reagieren.
Und diese Veränderungen können wiederum beeinflussen, wie sich Gewebe verhält und an Belastungen anpasst.
Aus einem scheinbar einfachen mechanischen Reiz kann somit eine komplexe biologische Reaktion entstehen.
Ein neues Verständnis der Manuellen Therapie?
Die Forschung von Sara Wickström liefert dafür einen wichtigen Baustein.
Sie zeigt uns, dass die Zelle nicht nur ein passiver Baustein des Körpers ist. Sie besitzt gewissermaßen einen mechanischen Sinn und kann Informationen über ihre physikalische Umgebung verarbeiten.
Das eröffnet eine faszinierende Perspektive auf physiotherapeutische Behandlung.
Vielleicht müssen wir in Zukunft nicht mehr nur fragen:
„Was bewegt diese Technik?“
Sondern auch:
„Welche mechanische Information erhält das Gewebe durch diese Technik – und was macht die Zelle daraus?“
Und vielleicht wird sich dabei herausstellen, dass der therapeutische Wirkungsgrad manueller Techniken bisher tatsächlich unterschätzt wurde.
Nicht, weil wir plötzlich eine völlig neue Wirkung von Händen entdeckt hätten.
Sondern weil wir beginnen, die Wirkung auf einer tieferen biologischen Ebene zu verstehen.
Die entscheidende Frage für die Forschung lautet deshalb:
Wie wird aus Berührung biologische Information?
Die Antwort darauf könnte in den kommenden Jahren unser Verständnis von Manueller Therapie, Physiotherapie und Geweberegeneration nachhaltig erweitern.
Fazit
Die mit dem Körber-Preis 2026 ausgezeichnete Forschung von Sara Wickström macht deutlich: Mechanische Kräfte sind für Zellen nicht bloß Belastungen – sie können biologische Informationen sein.
Dehnung, Druck, Spannung und andere mechanische Reize können über komplexe Signalwege bis zum Zellkern weitergeleitet werden und dort Prozesse beeinflussen, die für Zellverhalten, Regeneration und Gewebeentwicklung relevant sind.
Für die Physiotherapie eröffnet das eine interessante Perspektive.
Denn genau solche mechanischen Reize werden täglich therapeutisch eingesetzt.
Ob und in welchem Umfang manuelle Techniken diese Mechanismen beim Menschen tatsächlich nutzen, ist noch nicht abschließend geklärt. Die bisherige Forschung spricht dafür, dass die Wirkmechanismen manueller Therapie komplex sind und mehrere Ebenen gleichzeitig umfassen.
Die große Zukunftsfrage könnte deshalb lauten:
Ist die Hand des Therapeuten nicht nur ein Werkzeug zur Bewegung von Gewebe – sondern möglicherweise ein Werkzeug, mit dem sich biologische Informationen an Zellen übermitteln lassen?
Die Forschung hat darauf noch keine endgültige Antwort.
Aber sie liefert einen guten Grund, diese Frage ernsthaft zu untersuchen.
Ihr Kraftort Team
