Morbus Huntington: Wie Physiotherapie und KG-ZNS Beweglichkeit, Sicherheit und Selbstständigkeit unterstützen
Morbus Huntington, auch Huntington-Krankheit oder Chorea Huntington genannt, ist eine seltene, fortschreitende neurologische Erkrankung. Typisch sind unwillkürliche Bewegungen, sogenannte Chorea, die im Verlauf zunehmend mit Gleichgewichtsstörungen, Gangunsicherheit, Koordinationsproblemen, Muskelsteifigkeit und Einschränkungen im Alltag verbunden sein können.
Neben den motorischen Beschwerden können Veränderungen der Konzentration, Planung und Wahrnehmung sowie psychische und Verhaltensveränderungen auftreten. Dadurch ist Morbus Huntington eine Erkrankung, die nicht nur die Bewegungsfähigkeit, sondern die gesamte Alltagskompetenz und Lebensqualität beeinflussen kann.
Eine Heilung ist derzeit nicht möglich. Die Behandlung verfolgt deshalb mehrere Ziele: Beschwerden lindern, Beweglichkeit und körperliche Leistungsfähigkeit möglichst lange erhalten, Stürze vermeiden, Selbstständigkeit fördern und den Umgang mit zunehmenden Einschränkungen erleichtern.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Physiotherapie beziehungsweise Krankengymnastik auf neurophysiologischer Grundlage (KG-ZNS).
Was ist Morbus Huntington?
Morbus Huntington ist eine erblich bedingte neurodegenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems. Besonders betroffen sind Nervenzellen bestimmter Hirnregionen, unter anderem der Basalganglien. Diese Strukturen sind wesentlich an der Steuerung und Koordination von Bewegungen beteiligt.
Die Erkrankung wird autosomal-dominant vererbt. Ursache ist eine Veränderung im HTT-Gen auf Chromosom 4. Dabei kommt es zu einer krankheitsverursachenden Verlängerung einer CAG-Triplett-Wiederholung.
Da die Erkrankung autosomal-dominant vererbt wird, besteht für ein Kind eines betroffenen Elternteils grundsätzlich ein Erkrankungsrisiko von 50 Prozent.
Der Krankheitsbeginn liegt häufig im Erwachsenenalter. Es gibt jedoch auch juvenile Formen, bei denen die Erkrankung bereits im Kindes- oder Jugendalter beginnt.
Wie entsteht Morbus Huntington?
Die genetische Veränderung führt langfristig zu Veränderungen und zum Absterben bestimmter Nervenzellen im Gehirn. Besonders betroffen sind zunächst Bereiche, die an der Bewegungssteuerung beteiligt sind.
Die Folge ist eine zunehmende Störung der fein abgestimmten Regulation von Bewegung.
Die Erkrankung betrifft jedoch nicht ausschließlich die Motorik. Im weiteren Verlauf können auch folgende Bereiche beeinträchtigt werden:
- Konzentration und Aufmerksamkeit
- Planung und Organisation von Handlungen
- Gedächtnis
- Impulskontrolle
- Stimmung und Antrieb
- Sprache
- Schlucken
- Alltagsorganisation
Morbus Huntington ist deshalb eine multisystemische neurologische Erkrankung, bei der eine interdisziplinäre Behandlung besonders wichtig ist.
Symptome von Morbus Huntington
Die Beschwerden können individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und verändern sich im Verlauf der Erkrankung.
1. Chorea – unkontrollierte Bewegungen
Das bekannteste Symptom ist die Chorea.
Dabei handelt es sich um unwillkürliche, unregelmäßige und häufig fließend wirkende Bewegungen. Betroffene können beispielsweise:
- plötzlich mit Armen oder Beinen ausschlagen
- unwillkürliche Bewegungen des Rumpfes zeigen
- Grimassen oder unkontrollierte Gesichtsbewegungen entwickeln
- Gegenstände fallen lassen
- beim Gehen unerwartete Bewegungen ausführen
- Schwierigkeiten haben, eine Bewegung gezielt zu stoppen
Die Bewegungen können anfangs noch relativ unauffällig sein und werden teilweise als Nervosität oder Ungeschicklichkeit fehlinterpretiert.
2. Koordinationsstörungen
Mit zunehmender Erkrankung fällt es schwerer, Bewegungen präzise zu steuern.
Typisch können sein:
- gestörte Bewegungskoordination
- verlangsamte Reaktionen
- Schwierigkeiten bei komplexen Bewegungsabläufen
- Probleme bei schnellen Richtungswechseln
- eingeschränkte Feinmotorik
- Schwierigkeiten beim gleichzeitigen Ausführen mehrerer Aufgaben
Gerade im Alltag können diese Einschränkungen erhebliche Folgen haben.
3. Gangstörungen und Gleichgewichtsstörungen
Im Verlauf entwickeln viele Betroffene eine zunehmende Gangunsicherheit.
Mögliche Probleme sind:
- unsicheres Gehen
- breitbasiger Gang
- unkontrollierte Zusatzbewegungen beim Gehen
- Schwierigkeiten beim Anhalten
- Probleme beim Wenden
- Schwierigkeiten beim Überwinden von Hindernissen
- Gleichgewichtsstörungen
- erhöhtes Sturzrisiko
Das Gangbild kann sich im Verlauf deutlich verändern.
4. Muskelsteifigkeit und Bewegungsverlangsamung
Während zu Beginn häufig die Chorea im Vordergrund steht, können später auch andere Bewegungsstörungen hinzukommen.
Dazu gehören:
- erhöhte Muskelspannung
- Rigidität
- Bradykinese
- eingeschränkte Beweglichkeit
- Schwierigkeiten beim Einleiten von Bewegungen
- verlangsamte Bewegungsabläufe
Dadurch verändert sich die physiotherapeutische Zielsetzung im Verlauf der Erkrankung.
5. Kraftverlust und reduzierte körperliche Belastbarkeit
Mit zunehmender Erkrankungsdauer können Muskelkraft, Ausdauer und körperliche Leistungsfähigkeit abnehmen.
Eine verringerte körperliche Aktivität kann diesen Prozess zusätzlich verstärken.
Deshalb ist es wichtig, Bewegung möglichst früh in den Therapieplan einzubauen und die körperliche Aktivität an die individuellen Fähigkeiten anzupassen.
6. Kognitive Veränderungen
Morbus Huntington kann auch die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen.
Mögliche Veränderungen betreffen:
- Aufmerksamkeit
- Konzentration
- Planung
- Entscheidungsfähigkeit
- Verarbeitungsgeschwindigkeit
- Flexibilität im Denken
- Organisation komplexer Aufgaben
Für die Physiotherapie bedeutet dies, Übungen klar zu strukturieren und Bewegungsaufgaben an die kognitiven Fähigkeiten des Patienten anzupassen.
7. Psychische und Verhaltensveränderungen
Psychische Symptome können bereits vor den deutlichen motorischen Beschwerden auftreten.
Möglich sind unter anderem:
- depressive Verstimmungen
- Angst
- Reizbarkeit
- Impulsivität
- Antriebsschwankungen
- Schlafstörungen
- Veränderungen des Sozialverhaltens
Die Behandlung sollte deshalb immer das gesamte Krankheitsbild berücksichtigen.
8. Schluck- und Sprachstörungen
Im späteren Krankheitsverlauf können Dysarthrie und Dysphagie auftreten.
Das Schlucken kann zunehmend erschwert sein. Dadurch steigt unter anderem das Risiko für Verschlucken und Mangelernährung.
Hier sind eine neurologische beziehungsweise logopädische Betreuung sowie eine angepasste Ernährung und gegebenenfalls weitere Maßnahmen wichtig.
Auch Physiotherapie kann bei der Behandlung indirekt eine Rolle spielen, beispielsweise durch Atemtherapie, Haltungsregulation und Mobilitätserhalt.
Wie wird Morbus Huntington diagnostiziert?
Die Diagnostik erfolgt in der Regel durch einen Neurologen beziehungsweise in einem spezialisierten neurologischen Zentrum.
Wichtige Bestandteile sind:
Anamnese
Erfasst werden unter anderem:
- Beginn und Entwicklung der Beschwerden
- Bewegungsstörungen
- psychische Veränderungen
- kognitive Veränderungen
- familiäre Erkrankungen
- Einschränkungen im Alltag
Eine positive Familienanamnese kann einen wichtigen Hinweis liefern.
Neurologische Untersuchung
Dabei werden unter anderem untersucht:
- Muskeltonus
- Koordination
- Reflexe
- Bewegungsabläufe
- Gangbild
- Gleichgewicht
- Augenbewegungen
- Feinmotorik
Bildgebung
MRT oder CT können Veränderungen bestimmter Hirnstrukturen zeigen und helfen insbesondere dabei, andere neurologische Erkrankungen auszuschließen.
Genetische Diagnostik
Die Diagnose kann durch einen molekulargenetischen Test des HTT-Gens abgesichert werden.
Eine genetische Untersuchung hat jedoch weitreichende persönliche und familiäre Konsequenzen. Bei einem prädiktiven Gentest, also einem Test bei einem bislang symptomfreien Menschen mit familiärem Risiko, ist deshalb eine qualifizierte humangenetische und psychologische Beratung besonders wichtig.
Aktueller Stand der Forschung
Die Forschung zu Morbus Huntington hat sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt.
Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, wie die Bildung beziehungsweise Wirkung des mutierten Huntingtin-Proteins beeinflusst werden kann. Untersucht werden unter anderem:
- Antisense-Oligonukleotide
- RNA-basierte Therapien
- Gen-Silencing
- Gentherapie
- virale Vektoren
- Medikamente zur Beeinflussung der Huntingtin-Produktion
- Biomarker zur früheren Erkennung und Verlaufsbeurteilung
Besonders interessant sind Verfahren, die direkt auf das krankheitsverursachende Gen oder dessen Genprodukt abzielen.
Allerdings befinden sich viele dieser Ansätze weiterhin in klinischen Studien. Ein experimentelles Verfahren darf deshalb nicht mit einer etablierten Therapie gleichgesetzt werden.
Auch die Forschung zur sogenannten somatischen CAG-Repeat-Expansion gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dabei wird untersucht, warum sich die krankheitsverursachende Wiederholung in bestimmten Zellen im Laufe des Lebens weiter verändern kann.
Für Patienten bedeutet der aktuelle Forschungsstand vor allem: Die Erkrankung ist wissenschaftlich intensiv untersucht, eine allgemein verfügbare krankheitsmodifizierende Therapie steht derzeit jedoch noch nicht zur Verfügung.
Wie wird Morbus Huntington behandelt?
Die Behandlung ist individuell und richtet sich nach den Beschwerden und dem Krankheitsstadium.
Da unterschiedliche Symptome gleichzeitig auftreten können, ist häufig eine multidisziplinäre Betreuung sinnvoll.
Beteiligt sein können:
- Neurologie
- Psychiatrie
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Logopädie
- Neuropsychologie
- Ernährungsberatung
- Pflege
- Sozialberatung
Ziele sind nicht nur die Behandlung einzelner Symptome, sondern möglichst lange erhaltene Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität.
Medikamentöse Behandlung
Es gibt Medikamente, die einzelne Symptome von Morbus Huntington beeinflussen können.
Behandlung der Chorea
Bei ausgeprägter Chorea kommen unter anderem Medikamente zum Einsatz, die die dopaminerge Signalübertragung beziehungsweise die Freisetzung von Dopamin beeinflussen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Tetrabenazin
- Deutetrabenazin
- Tiaprid
Auch bestimmte Neuroleptika können je nach individueller Symptomatik eingesetzt werden.
Die Medikamentenauswahl richtet sich jedoch nicht ausschließlich nach der Stärke der Chorea. Depression, Antrieb, Schlaf, psychische Symptome und mögliche Nebenwirkungen müssen berücksichtigt werden.
Behandlung psychischer Symptome
Depressive Symptome, Angst, Reizbarkeit oder andere Verhaltensveränderungen können medikamentös und psychotherapeutisch behandelt werden.
Hier ist eine individuelle neurologische beziehungsweise psychiatrische Betreuung besonders wichtig.
Warum ist Physiotherapie bei Morbus Huntington so wichtig?
Die Physiotherapie ist bei Morbus Huntington nicht erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium sinnvoll.
Im Gegenteil: Eine individuell angepasste Bewegungstherapie kann bereits früh eingesetzt werden, um körperliche Aktivität, Bewegungsqualität, Ausdauer und funktionelle Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten.
Die Therapie muss dabei immer an das aktuelle Krankheitsstadium angepasst werden.
Das Ziel lautet nicht, die unwillkürlichen Bewegungen einfach „wegzutrainieren“. Entscheidend ist vielmehr, die vorhandenen Fähigkeiten möglichst sicher und funktionell einzusetzen.
Wann ist KG-ZNS bei Morbus Huntington sinnvoll?
Eine Behandlung mit KG-ZNS beziehungsweise neurologischer Physiotherapie ist besonders sinnvoll, wenn motorische Einschränkungen den Alltag beeinflussen.
Dazu gehören beispielsweise:
- zunehmende Gangunsicherheit
- Gleichgewichtsstörungen
- häufiges Stolpern
- wiederholte Stürze
- Koordinationsstörungen
- Schwierigkeiten beim Aufstehen
- Probleme beim Hinsetzen
- Einschränkungen beim Treppensteigen
- zunehmende Muskelsteifigkeit
- reduzierte Beweglichkeit
- Kraftverlust
- eingeschränkte Ausdauer
- Probleme bei Alltagsbewegungen
- Unsicherheit bei Richtungswechseln
- Schwierigkeiten bei Transfers
- zunehmender Hilfsmittelbedarf
Auch Patienten, bei denen die Bewegungsstörungen noch relativ mild sind, können von einer frühzeitigen physiotherapeutischen Beratung profitieren.
Was macht die Physiotherapie bei Morbus Huntington?
Die physiotherapeutische Behandlung wird individuell auf die vorhandenen Beschwerden abgestimmt.
1. Gangtraining
Ein Schwerpunkt kann das funktionelle Gangtraining sein.
Dabei werden beispielsweise trainiert:
- sicheres Gehen
- Schrittlänge
- Schrittfolge
- Richtungswechsel
- Anhalten und Wiederanlaufen
- Gehen über unterschiedliche Untergründe
- Hindernisse überwinden
- Treppensteigen
- Gehen mit Hilfsmitteln
Dabei geht es nicht um ein möglichst „perfektes“ Gangbild, sondern um sicheres und möglichst selbstständiges Gehen.
2. Gleichgewichtstraining
Gleichgewicht ist bei Morbus Huntington ein zentraler Therapiebaustein.
Trainiert werden können:
- statisches Gleichgewicht
- dynamisches Gleichgewicht
- Reaktionen auf Gewichtsverlagerungen
- Gleichgewicht beim Gehen
- Richtungswechsel
- Aufstehen und Hinsetzen
- Reaktionen auf äußere Reize
Das Training sollte immer so gestaltet werden, dass es die Fähigkeiten des Patienten herausfordert, ohne ein unnötiges Sturzrisiko zu erzeugen.
3. Sturzprophylaxe
Durch Chorea, Koordinationsstörungen, Gangunsicherheit und Gleichgewichtsstörungen kann das Sturzrisiko deutlich steigen.
Die Physiotherapie kann deshalb helfen, individuelle Risikofaktoren zu erkennen.
Dazu gehören:
- unsicheres Aufstehen
- Probleme beim Wenden
- Hindernisse in der Wohnung
- ungeeignetes Schuhwerk
- fehlende Hilfsmittel
- mangelnde Kraft
- eingeschränkte Reaktionsfähigkeit
Gemeinsam mit dem Patienten und gegebenenfalls den Angehörigen können Strategien zur Sturzprävention entwickelt werden.
Krafttraining und Ausdauertraining
Auch bei einer neurodegenerativen Erkrankung ist körperliche Aktivität wichtig.
Geeignet können beispielsweise sein:
- moderates Krafttraining
- Fahrradergometer
- Walking
- Gehtraining
- funktionelles Training
- leichtes Ausdauertraining
- Übungen zur Rumpfstabilität
Studien zeigen, dass insbesondere aerobes Training und kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining positive Effekte auf Fitness und motorische Funktionen haben können.
Dabei ist die richtige Belastungssteuerung entscheidend.
Ein zu intensives Training kann zu Überforderung, Erschöpfung und einer Verschlechterung der Bewegungsqualität führen.
Umgang mit Chorea in der Physiotherapie
Die unkontrollierten Bewegungen lassen sich durch Physiotherapie nicht einfach abschalten.
Die Behandlung kann jedoch darauf ausgerichtet werden, dass der Patient trotz der Chorea möglichst funktionelle und sichere Bewegungen ausführen kann.
Dazu gehören beispielsweise:
- Stabilisierung des Rumpfes
- funktionelle Bewegungsstrategien
- bewusste Gewichtsverlagerung
- Nutzung stabiler Ausgangspositionen
- Training von Transfers
- Anpassung der Umgebung
- gezielte äußere Orientierung
- Wiederholung alltagsrelevanter Bewegungsabläufe
Bei bestimmten Aufgaben können klare, einfache Bewegungsanweisungen hilfreicher sein als komplexe Bewegungsaufträge.
Training von Alltagsbewegungen
Ein besonders wichtiger Bestandteil der KG-ZNS ist das Training konkreter Alltagsaktivitäten.
Beispiele sind:
- vom Stuhl aufstehen
- ins Bett gehen
- aus dem Bett aufstehen
- An- und Auskleiden
- Duschen
- Toilettengang
- Greifen und Tragen
- Treppensteigen
- Gehen innerhalb der Wohnung
- Aufheben von Gegenständen
Das Training sollte möglichst nah an den tatsächlichen Anforderungen des Patienten stattfinden.
Physiotherapie in den verschiedenen Krankheitsstadien
Frühes Stadium
Zu Beginn stehen häufig noch relativ geringe motorische Einschränkungen im Vordergrund.
Hier kann Physiotherapie dazu beitragen:
- körperliche Aktivität zu erhalten
- Kraft und Ausdauer zu trainieren
- Bewegungsstrategien zu entwickeln
- Gleichgewicht zu verbessern
- Stürzen vorzubeugen
- ein individuelles Heimübungsprogramm aufzubauen
Gerade in dieser Phase kann es sinnvoll sein, langfristige Bewegungsgewohnheiten zu entwickeln.
Mittleres Stadium
Mit zunehmenden motorischen Einschränkungen wird die funktionelle Therapie wichtiger.
Schwerpunkte können sein:
- Gangtraining
- Gleichgewicht
- Transfers
- Kraft und Ausdauer
- Sturzprophylaxe
- Hilfsmittelversorgung
- Training von Alltagsaktivitäten
- Angehörigenberatung
Die Übungen müssen häufig stärker strukturiert und an die kognitiven Fähigkeiten angepasst werden.
Fortgeschrittenes Stadium
In einem fortgeschrittenen Stadium stehen häufig Sicherheit, Komfort und die möglichst lange Erhaltung vorhandener Fähigkeiten im Vordergrund.
Mögliche Therapieziele sind:
- sichere Transfers
- Erhalt der Gelenkbeweglichkeit
- Positionierung
- Kontrakturprophylaxe
- Atemtherapie
- Unterstützung bei der Mobilität
- Anpassung von Sitz- und Liegepositionen
- Hilfsmittelberatung
- Unterstützung der Angehörigen
Dabei verändert sich das Ziel der Physiotherapie: Es geht nicht mehr ausschließlich um Leistungssteigerung, sondern zunehmend um Funktionserhalt, Sicherheit, Komfort und Lebensqualität.
Atemtherapie bei Morbus Huntington
Im späteren Krankheitsverlauf können auch Atemfunktion und Hustenmechanismus beeinträchtigt sein.
Physiotherapeutische Atemtherapie kann dann beispielsweise folgende Ziele verfolgen:
- Verbesserung der Atembewegung
- Mobilisation des Brustkorbs
- Unterstützung der Sekretmobilisation
- Verbesserung der Atemmuskelfunktion
- Unterstützung eines effektiven Hustens
Insbesondere bei Schluckstörungen und eingeschränkter Mobilität kann die Atemtherapie ein wichtiger Bestandteil der neurologischen Rehabilitation sein.
Hilfsmittel bei Morbus Huntington
Wenn das Gehen unsicherer wird, können Hilfsmittel die Selbstständigkeit und Sicherheit unterstützen.
Dazu können gehören:
- Gehstock
- Unterarmgehstützen
- Rollator
- Rollstuhl
- angepasste Sitzsysteme
- Haltemöglichkeiten
- Transferhilfen
Ein Hilfsmittel sollte dabei nicht automatisch möglichst früh eingesetzt werden. Entscheidend ist, welches Hilfsmittel die konkrete Alltagssituation tatsächlich verbessert.
Die Physiotherapie kann bei der Auswahl und beim sicheren Umgang mit Hilfsmitteln unterstützen.
Was Angehörige wissen sollten
Morbus Huntington betrifft häufig die gesamte Familie.
Durch die Kombination aus Bewegungsstörungen, kognitiven Veränderungen und psychischen Symptomen können Alltagssituationen zunehmend anspruchsvoll werden.
Angehörige können durch die Physiotherapie beispielsweise lernen:
- wie Transfers sicher unterstützt werden
- wie Sturzrisiken reduziert werden
- welche Bewegungsübungen sinnvoll sind
- wie Hilfsmittel richtig eingesetzt werden
- wie Überforderung vermieden wird
- wie körperliche Aktivität im Alltag erhalten werden kann
Gerade im mittleren und späteren Krankheitsstadium ist die Einbindung der Angehörigen deshalb ein wichtiger Bestandteil der Therapie.
Was kann Physiotherapie bei Morbus Huntington erreichen?
Physiotherapie kann Morbus Huntington nicht heilen und den genetischen Krankheitsprozess nicht stoppen.
Sie kann jedoch dazu beitragen, wichtige Funktionen möglichst lange zu erhalten.
Dazu gehören:
Beweglichkeit:
Erhalt von Gelenkbeweglichkeit und funktionellen Bewegungsmöglichkeiten.
Kraft:
Erhalt beziehungsweise Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit.
Ausdauer:
Unterstützung der allgemeinen körperlichen Belastbarkeit.
Koordination:
Verbesserung funktioneller Bewegungsabläufe.
Gleichgewicht:
Training von Gleichgewichtsreaktionen und sicherem Stehen und Gehen.
Mobilität:
Erhalt der selbstständigen Fortbewegung.
Alltagskompetenz:
Training wichtiger Aktivitäten des täglichen Lebens.
Sturzprophylaxe:
Reduzierung vermeidbarer Risikosituationen.
Lebensqualität:
Möglichst lange aktive Teilnahme am Alltag.
Morbus Huntington und KG-ZNS: individuelle Therapie statt Standardprogramm
Bei Morbus Huntington ist ein standardisiertes Übungsprogramm nur bedingt geeignet.
Die Erkrankung verändert sich im Verlauf und kann bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein.
Eine gute neurologische Physiotherapie berücksichtigt deshalb:
- Krankheitsstadium
- motorische Symptome
- Chorea
- Muskelspannung
- Kraft
- Gleichgewicht
- Gangbild
- kognitive Fähigkeiten
- psychische Belastbarkeit
- Alltagssituation
- Wohnumgebung
- vorhandene Hilfsmittel
- persönliche Therapieziele
Die Therapie sollte regelmäßig überprüft und an die aktuelle Situation angepasst werden.
Fazit: Bewegung erhalten, Sicherheit verbessern, Selbstständigkeit fördern
Morbus Huntington ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die durch eine Kombination aus Chorea, Koordinationsstörungen, Gangunsicherheit, Gleichgewichtsstörungen, kognitiven Veränderungen und psychischen Symptomen gekennzeichnet sein kann.
Eine ursächliche Heilung steht derzeit nicht zur Verfügung. Die moderne Behandlung besteht deshalb aus einer Kombination aus medizinischer Symptomkontrolle, neurologischer Betreuung, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie und weiteren unterstützenden Maßnahmen.
Die Physiotherapie und insbesondere die KG-ZNS können dabei einen wichtigen Beitrag leisten.
Im Mittelpunkt stehen nicht nur einzelne Übungen. Entscheidend ist die Übertragung der Therapie auf den Alltag: sicher gehen, aufstehen, sich umdrehen, Treppen bewältigen, Stürze vermeiden und möglichst lange selbstständig bleiben.
Je nach Krankheitsstadium können Gangtraining, Gleichgewichtstraining, Kraft- und Ausdauertraining, Koordination, Transfertraining, Sturzprophylaxe, Atemtherapie, Beweglichkeitstraining und Hilfsmittelberatung wichtige Bestandteile der Behandlung sein.
Bei einer fortschreitenden Erkrankung bedeutet erfolgreiche Physiotherapie nicht zwangsläufig, dass immer mehr Leistung erreicht wird. Häufig bedeutet sie vor allem, vorhandene Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten, Sicherheit zu schaffen und den Alltag trotz der Erkrankung aktiv zu gestalten. Bei uns im Kraftort Therapiezentrum erstellen unsere qualifizierten Physiotherapeuten einen individuellen Behandlungsplan für Ihre Beschwerden.
Ihr Kraftort Team
